Wie kann ich die Bibel lesen und anwenden?
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Wie kann ich die Bibel lesen und anwenden?

Wenn vom Bibellesen die Rede ist, verbinden Christen in der Regel damit zunächst einmal ein schlechtes Gewissen. „Zu wenig lese ich sie“, „zu wenig verstehe ich ihren Inhalt“ oder vielleicht sogar „ich lerne irgendwie nichts Neues dazu“. All das sind Gedanken und Reaktionen, die wahrscheinlich jeder kennt, wenn er an seine eigene Bibellese denkt.

Damit kommen wir auch direkt zu zwei Hauptproblemen mit der Bibel: Sie wird zu selten gelesen und gerne falsch verstanden.

Ersteres mag verschiedene Gründe haben: Vielleicht grundsätzliche Lesefaulheit oder mangelnde Disziplin. Am Ende des Tages jedoch, kommen wir um die Bibel als Gottes Wort nicht herum, da sie unsere Richtschnur, unser Leitfaden für unsere Lebensführung als Christen ist und die einzige normative Autorität in Bezug auf Gott darstellt.

Wir wollen uns deshalb in der Folge vier häufig gestellten Fragen widmen, um die Bibel als Ganzes besser zu verstehen und sie für uns persönlich fruchtbar zu machen.

1. Was ist die Bibel und was ist sie nicht?

Wie bei jedem Buch, muss man sich auch bei der Bibel fragen, was für eine Art Buch man hier eigentlich vor sich hat. Wer z.B. Herr der Ringe liest, weiß, dass er gerade einen fiktiven Roman in der Hand hält und kein Sachbuch über Biologie. Dementsprechend wichtig ist diese Frage auch in Bezug auf die Bibel. Hier fällt direkt auf, dass wir es bei der Bibel genau genommen nicht mit einem „Buch“ zu tun haben.

Zusammensetzung der Bibel

Unser Begriff „Bibel“ geht auf das griechische Wort biblia (Plural) zurück und bedeutet „Bücher“ - wir haben es bei der Bibel also mit einer über Jahrhunderte entstandenen Bibliothek zu tun. Wer etwas vertraut mit biblischen Schriften ist, wird bereits festgestellt haben, dass die Bibel verschiedene Textarten enthält. So finden sich narrative Texte, Prophetien, Gedichte, Gebete, Briefe und am Ende eine Apokalypse - die eigentlich eine Art Mischform auf Brief, Prophetie und Apokalypse darstellt - in ihr. Wir haben es hier also zunächst einmal nicht mit einem Buch im klassischen Sinne zu tun, sondern mit unterschiedlichen Verfassern, Textarten und auch mit verschiedenen Zeitepochen und Kulturen. Deshalb ist es von hoher Bedeutung, den unterschiedlichen Textgattungen Rechnung zu tragen und das Buch der Psalmen nicht wie beispielsweise einen neutestamentlichen Brief zu behandeln.

Dennoch glauben wir, dass, gemäß 2. Tim 3,16, am Schluss Gott als Autor hinter der Bibel steht und die Bibel dementsprechend sehr wohl auch als „Buch“ bezeichnet werden kann, dass - trotz aller Menschlichkeit - von ihm inspiriert und deshalb als zuverlässig und treu erachtet werden kann.
Trotz verschiedener Schreiber und Textarten weist die Bibel eine eindeutige und klare rote Linie auf und will im Grunde zwei Hauptthemen behandeln:

Sie handelt 1. von Gott und 2. von seiner Beziehung zu den Menschen. Gott ist das Zentrum aller Dinge, der Grund und Ursprung der Schöpfung (Röm 11,36; Kol 1,16) und dementsprechend auch das Thema schlechthin der Bibel. Sie erzählt von seinem Wesen, seinem Heilsplan, seiner Größe, Liebe und Macht, seinem Charakter. Außerdem handelt die Bibel von Gottes Beziehung zu den Menschen. Davon, dass wir verloren sind, Gottes Gericht verdient haben und unendlich abhängig von Gottes Rettung und Erlösung sind.

Die Bibel ist also nicht Gottes persönlicher Liebesbrief an mich, sie ist kein Lexikon oder ein wissenschaftliches Buch (sie will nicht einfach Naturvorgänge beschreiben und Physikgesetze aufstellen). Die Bibel ist auch kein Geschichtsbuch im klassischen Sinne. Sie will vielmehr die Geschichte von Gott her erzählen, verstehen und von seinem Wirken in der Geschichte berichten. Außerdem ist die Bibel nicht einfach nur eine Lebensanleitung, es gibt Hunderte Seiten, die sich nicht direkt in die Praxis umsetzen lassen. Wer nur so die Bibel liest, wird schnell frustriert sein.

Nach 2. Timotheus 3,16 hat die Bibel eine vierfache Bestimmung, sozusagen einen vierfachen Zweck.

Denn alles, was in der Schrift steht, ist von Gottes Geist eingegeben, und dementsprechend groß ist auch der Nutzen der Schrift: Sie unterrichtet in der Wahrheit, deckt Schuld auf, bringt auf den richtigen Weg und erzieht zu einem Leben nach Gottes Willen.

2. Timotheus 3,16

  1. 1

    Sie unterrichtet in der Wahrheit
    Sie zeigt uns also Gottes Willen, sein Wesen, seinen Heilsplan.

  2. 2

    Sie deckt Schuld auf
    Sie lässt uns erkennen, wer wir sind, dass wir abhängig von Gott und ohne ihn verloren sind.

  3. 3

    Sie bringt uns auf den richtigen Weg
    Sie lehrt uns Weisheit und Erkenntnis und hilft uns unser Leben in Gottes Sinn zu führen und zu meistern

  4. 4

    Sie erzieht zu einem Leben nach Gottes Willen
    Sie ist unsere Richtschnur und unser Guide fürs Leben.

Wichtig festzuhalten ist auch, dass Paulus einen Vers später festhält, dass die Bibel ausreichend ist, um unser Leben nach Gottes Willen zu führen.

damit der Mensch Gottes vollkommen sei zu jedem guten Werk vollkommen ausgerüstet.

2. Timotheus 3,17

D.h. in Bezug auf diese Dinge ist die Bibel nicht nur maß- und normgebend, sondern sie ist auch ausreichend für unser Leben.

Wer nun einen oder mehrere dieser vier Aspekte und Zielrichtungen der Bibel auslässt und nicht berücksichtigt, wird schnell feststellen, dass viele Kapitel für ihn nicht relevant zu sein scheinen. Aus diesem Grund ist es extrem wichtig, die Bibel unter Berücksichtigung dieser vier Punkte zu lesen.

Fazit:
Die Bibel ist also eine Bibliothek mit verschiedensten Textgattungen und unterschiedlichen menschlichen Schreibern, hinter der aber dennoch Gott als der ultimative Autor und Inspirator steht. Die Bibel handelt in erster Linie von Gott und seiner Beziehung zu den Menschen und ist stets unter Berücksichtigung der oben aufgeführten vier Aspekte zu lesen.

2. Welche Übersetzung sollte ich lesen?

Die Bibel ist ursprünglich im Wesentlichen in zwei Sprachen verfasst: Hebräisch (Altes Testament) und Griechisch (Neues Testament). Da nicht jeder die Möglichkeit hat, diese Sprachen zu erlernen, sind wir in der Regel auf Übersetzungen angewiesen. Nun haben unterschiedliche Übersetzungen Vor- und Nachteile. Die folgende Grafik soll einen groben Überblick über die verschiedenen meistgelesenen deutschen Übersetzungen liefern:

Hilfreich ist es natürlich, verschiedene Übersetzung zu besitzen und diese zu vergleichen, um den Textsinn möglichst akkurat zu erfassen. Dennoch gibt es eine Hauptregel einer für dich guten Übersetzung: Du musst sie verstehen! Wer sich über Monate oder Jahre mit der Elberfelder abgemüht hat und am Ende das Gefühl hat nichts verstanden zu haben, sollte dringend eine andere Übersetzung lesen. Am Ende des Tages ist es nämlich entscheidend den Inhalt der Bibel zu verstehen und nicht stundenlang an einzelnen Wörtern rumzumachen. Natürlich wird Inhalt immer in Form von Wörtern vermittelt, die auch nach Möglichkeit untersucht werden sollten, dennoch ist es in 1. Linie entscheidend den Inhalt und den Hauptgedanken des Textes zu erfassen.

Schon im Neuen Testament sehen wir, dass die Evangelisten die Worte Jesu an ihre Hörerschaft angepasst haben, damit die jeweilige Zielgruppe den Inhalt auch tatsächlich versteht. So lesen wir im bekannten Gleichnis vom Hausbau in Mt 7,24-27 davon, dass der Kluge (also der, der Jesu Wort hört und tut) sein Haus auf Fels, und der Dumme sein Haus auf Sand baut. Lukas hingegen berichtet davon, dass der Kluge sein Haus auf ein erbautes Fundament, der Dumme aber sein Haus ohne Fundament erbaut (Lk 6,46-49).

Wahrscheinlich ist, dass im Matthäusevangelium die ursprünglichen Worte Jesu festgehalten sind, da hier die Vorstellung eines palästinischen Wadis (ein Fluss, der nach starkem Regen nur für eine Zeit Wasser führt) zugrunde liegt. Außerdem war die Bauweise, auf die er anspielt, hauptsächlich innerhalb Israels verbreitet. Lukas hingegen passt, wie auch an anderen Stellen, diese Worte an seine Empfänger (hauptsächlich Nichtjuden) an und setzt ein architektonisches Verfahren voraus, das außerhalb Israels sehr weit verbreitet war. Hier wird deutlich, dass letztendlich der Inhalt der Aussage entscheidend ist, nicht in 1. Linie die einzelnen Worte. Dieses Prinzip lässt sich auch auf die Wahl deiner Übersetzung übertragen. Eine Übersetzung, die sehr nah am Grundtext der Bibel ist, die du aber nicht verstehst, ist letztlich vollkommen sinnlos.

Ziel der Bibellese sollte sein, dass du den Inhalt der Bibel erfassen und verstehen kann.

3. Welche Fragen soll ich an den Text stellen?

Die Bibel hält Gottes Reden in unterschiedlichen historischen Situationen fest. Jesus selbst, als das ultimative „Wort Gottes“ (Joh 1; Hebr 1), kam als Jude des 1. Jh. auf diese Welt. Auch er passte sich zu einem gewissen Maße den kulturellen und historischen Gegebenheiten an. Da in der Bibel Gottes Reden in die Geschichte der Menschen hinein festgehalten wird, ist es wichtig, zunächst einmal zu fragen, was der Text für die Erstleser damals bedeutet hat, da sie auch die Erstadressaten des Textes darstellen. Der 1. Korintherbrief z.B. wurde in eine konkrete Situation, an eine konkrete Gemeinde verfasst. Dementsprechend ist es unerlässlich zu erfassen, was dieser Brief den Korinthern zu sagen hatte, ehe man die einzelnen Aussagen direkt auf sich überträgt. Dieser Schritt geschieht nämlich oft zu früh, was unter Umständen zu Fehlschlüssen führen kann. Wie nun genau zwischen kulturell bedingten Anweisungen und allgemeingültigen Prinzipien zu unterscheiden ist, soll im nächsten Punkt behandelt werden. Nun sollen erst einmal vier simple Fragen erläutert werden, die dir helfen, biblische Texte besser zu verstehen.

1. Was ist der Kontext?
Jede Aussage der Bibel ist in einen gewissen textlichen Kontext (also einen Text, der die vorliegende Einheit umgibt) eingebettet. Wenn ich nun Aussagen völlig kontextlos auf mich beziehe, kann dies unter Umständen korrekt sein („der Herr ist mein Hirte…“), andererseits jedoch zu absurden Ergebnissen führen („Weiche von mir Satan“ - Mt 16,23). Deshalb ist es entscheidend den Kontext der vorliegenden Textpassage zu erfassen und den großen Gedankengang zu verstehen. Am Schluss bestimmt der Kontext immer die Bedeutung der Texteinheit! Folgende Fragen sind deshalb hilfreich, um den Gesamtzusammenhang eines Textes zu verstehen:

  • Was steht davor und danach?

  • Worum geht es bei diesem Abschnitt eigentlich?

  • Wird das Thema des Textes in diesem Buch (z.B. 1. Korinther) auch an anderer Stelle behandelt?


2. Was ist der Hauptgedanke?
Oft ist es entscheidend, zuerst das große Bild, den Hauptgedanken des Textes zu erfassen, ehe man sich an einzelnen Aussagen zu lange aufhält. Wer einen Wald vor sich hat, analysiert auch zunächst die grobe Struktur, die unterschiedlichen Baumarten, ehe er einzelne Bäume genauer untersucht. Deshalb ist es entscheidend von klaren, großen und direkt verständlichen Aussagen, zu einzelnen, schwerer verständlichen überzugehen. Hilfreich ist es z.B. die vorliegende Textpassage in einem kurzen, prägnanten Satz zusammenzufassen, um die Kernaussage aufzuschlüsseln.

3. Welche einzelnen Aussagen macht der Text?
Nachdem der Hauptgedanke erfasst wurde, können die einzelnen Textaussagen analysiert werden. Dafür ist es sinnvoll, den Text noch mal in einzelne Sinnabschnitte zu untergliedern und die Aussagen der jeweiligen Abschnitte in eigenen Worten wiederzugeben. So werden die meisten Fragen direkt geklärt.

4. Was bedeutet das konkret für mich?
Der letzte Schritt ist letztlich entscheidend und sollte auch tatsächlich erst am Schluss bearbeitet werden. Nur wer die Aussage des Textes wirklich erfasst hat, kann auch die konkrete Bedeutung für heute wirklich sachgemäß verstehen.

  • Was sagt dieser Text über Gott, über mich oder meine Mitmenschen?

  • Was kann ich evtl. konkret umsetzen?


Dieses Schema soll nun beispielhaft an einem Text aus dem 1. Korintherbrief erläutert werden:

Wer daher auf unwürdige Weise von dem Brot isst oder aus dem Becher des Herrn trinkt, macht sich am Leib und am Blut des Herrn schuldig.

1. Korinther 11,27

Die Frage, die hier behandelt werden soll, ist: Was bedeutet es das Abendmahl „unwürdig“ bzw. Auf „unwürdige Weise“ zu nehmen?

1. Was ist der Kontext?
Der Kontext der Passage 1. Kor 11,17-27 macht deutlich, dass es in der korinthischen Gemeinde Missstände beim Abendmahl gab. Die gemeinschaftlichen Mahlzeiten beim waren alles andere als gemeinschaftlich. So konnten die Reichen sich satt essen und über die Maßen trinken, während die ärmeren Gemeindemitglieder kaum etwas zu essen hatten (V. 21: „der eine ist hungrig, der andere ist betrunken). Die sozialen Unterschiede unter den Christen offenbarten sich beim Abendmahl im Grunde als Spaltungen (V.18). Die Reichen stellten sich über die ärmeren Mitglieder, schlossen sie auf gewisse Weise aus und stellten so den Sinn des Abendmahls vollkommen auf den Kopf.

2. Was ist der Hauptgedanke?
Christen sollen das Abendmahl in Harmonie und Gemeinschaft, nicht gespalten und in unterschiedlichen Klassen (z.B. reich, arm) feiern.

3. Welche Aussage macht der Text?
Wer auf unwürdige Art und Weise das Abendmahl nimmt, indem er für Spaltungen und Klassengesellschaften innerhalb der Gemeinde sorgt oder Menschen mit niedrigerem sozialen Status gar vom Abendmahl ausschließt macht sich schuldig. Er stellt den Sinn des Abendmahls, die Identifikation mit Jesus, die Erinnerung an sein Werk am Kreuz auf den Kopf. Jesus selbst hat uns unabhängig von unserem Status erkauft und zu einem Leib, einer Einheit gemacht - diese geschaffene Einheit darf auf keinen Fall pervertiert werden.

4. Was bedeutet das konkret für mich?
Ganz egal ob reich oder arm, jung oder alt, angesehen oder nicht - als Kirche sind wir eine Einheit! Von Gott erkauft, durch Jesu Blut reingewachsen und erlöst. Weder aufgrund von Rasse oder Geschlecht, sozialem Status oder sonst irgengendwelchen Verschiedenheiten sollte diese Einheit gefährdet werden. Besonders relevant wäre dieser Text z.B. in Bezug auf die Rassentrennung (auch in Kirchen) in den USA im 20. Jh. gewesen oder in den Methodisten Kirchen in England des 18. Jhs., die für reiche und arme Besucher zwei unterschiedliche Eingänge und Sitzreihen hatten.
Dieser Text gilt aber auch dort wo wir heute Andere in der Gemeinde aufgrund unterschiedlicher Positionen und Verhaltensweisen ablehnen. Streit und Spaltungen haben in der Gemeinde Jesu nichts zu suchen. „Unwürdig“ (hier handelt es sich um ein Adverb, nicht(!) um ein Adjektiv) das Abendmahl zu nehmen, bedeutet somit nicht primär, vor Gott unwürdig dazustehen, weil man letzte Woche gesündigt hat, sondern es zu nehmen ohne mit anderen Gemeindemitgliedern Frieden geschlossen und die verlorene Einheit widerhergestellt zu haben.

Auch generell betont Paulus hier den enorm hohen Stellenwert des Abendmahls. So unterstreicht er z.B. in V. 29, wie wichtig es ist, das, was Jesus für uns am Kreuz getan hat und was durch das Abendmahl verkündigt und symbolisiert wird, wertzuschätzen und richtig einzuordnen. Das Abendmahl ließe sich dann - breiter gedacht - auch in dem Sinne „unwürdig“ nehmen, dass es flapsig, ohne angebrachte Wertschätzung und Ehrerbietung vor dem, was Jesus als Sohn Gottes am Kreuz vollbracht hat, genommen wird. Gerade weil Gott uns durch Jesus erlöst, erkauft und zu einem Leib zusammengefügt und vereint hat, was ja insbesondere im Abendmahl zum Ausdruck kommen und verkündigt werden soll.

4. Woher weiß ich, was nur für damals gilt?

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass bei der überwiegenden Mehrheit der biblischen Texte recht schnell klar wird, was universell gültig ist und was nicht. Jedem Bibelleser ist z.B. direkt einleuchtend, dass der Auftrag der Landnahme an Josua kein universell gültiger Auftrag für uns als Christen ist andere Länder einzunehmen. Dass wir andererseits allein durch Glauben und aus Gnade gerettet sind (Eph 2,8) ist wiederum ebenso eindeutig universell für alle Christen aller Zeiten gültig. Schwieriger wird es z.B. bei manchen Stellen der neutestamentlichen Briefe, da hier meistens konkrete gemeindeinterne Probleme angesprochen werden und gewisse kulturelle Verhaltensweisen und Normen vorausgesetzt werden. Deshalb sollen jetzt erneut vier simple Fragen ausgeführt werden, die wir auch direkt an einem Beispiel behandeln.

Ich will nun, dass die Männer an jedem Ort beten, indem sie heilige Hände aufheben, ohne Zorn und zweifelnde Überlegung.

1. Timotheus 1,8

Die Fragen, die wir hier beantworten wollen ist, was mit dem Aufheben heiliger Hände gemeint ist. Ist das eine für alle Zeit gültige Aufforderung, beim Lobpreis die Hände zu heben? Müssen Hände vor dem Gebet gewaschen werden?

1. Was war die damalige Kultur?
Bei der 1. Frage versucht man die damalige Kultur, also in diesem Fall die Gebetspraxis, zu analysieren. In Jesaja 1,15f sehen wir, dass ausgestreckte oder erhobene Hände auch eine gängige Form des Gebets im Judentum war - wahrscheinlich auch in der Gemeinde von Timotheus. Auch in Jesaja wird deutlich, dass das Waschen und Reinigen der Hände symbolisch für einen veränderten Lebenswandel steht.

2. Was sagt der Text?
Dieser Vers spricht davon, dass Männer beim „heilige“ (d.h. reine Hände, die Gutes tun) Hände zu Gott aufheben sollen, ohne dabei zornig oder zweifelnd zu sein.

3. Was ist unsere heutige Kultur?
Speziell in Bezug auf Gebet oder Lobpreis gibt es die unterschiedlichsten Praktiken. Hände heben, stehen, sitzen, tanzen usw.

4. Was bedeutet die Anweisung für uns heute?
Nicht die kulturell bedingte Gebetsform ist entscheidend, sondern die Integrität des Beters. Heilige Hände aufzuheben bedeutet für mich heute, dass mein Lebensstil mit dem übereinstimmen soll, dass ich zu Gott bete und ihm singe. Wer im Alltag nicht nach Gottes Willen lebt, aber sonntags versucht besonders geistlich zu wirken, ist dazu aufgefordert, seinen Lebensstil dementsprechend anzupassen. Deshalb sollen wir „heilige Hände“ zu Gott aufheben. Nicht die Form ist entscheidend, sondern das allgemeingültige Prinzip dahinter.

Dennoch: Nur weil die Form nicht entscheidend ist, ist sie deshalb nicht unwichtig! Zu allen Zeiten und in allen Religionen gilt und galt das Heben der Hände als Zeichen besonderer Hingabe und Sehnsucht nach Gott. Auch wenn dieser Text dies nicht besagt, so sind Ausdrucksformen sehr wohl ein wichtiger Bestandteil von Lobpreis und Gebet, da sie eben zum Ausdruck bringen, was wir empfinden. Jesus sagt: „Wovon das Herz erfüllt ist, das spricht der Mund aus.“ (Mt 12,34)
Gleichermaßen könnte man sagen, dass unser Ausdruck auch immer ein Abdruck von dem ist, was wirklich in unserem Herzen ist. Hingebungsvolles Ausdrücken von Anbetung und Lobpreis ist also in keiner Weise gering zu schätzen, sondern etwas durch und durch Positives, es sei denn es bleibt letztlich ohne authentischen Inhalt.

Literatur

Fee, Gordon D. und Stuart (2015): Effektives Bibelstudium. 7., überarbeitete Auflage. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Detlev Stieghorst. Giessen: Brunnen Verlag. [Orig.: How to Read the Bible for All Its Worth. 2014.].

Blomberg, Craig L. (1998): Die Gleichnisse Jesu. Ihre Interpretation in Theorie und Praxis. Aus dem Englischen übersetzt von Dörthe Schilken. Wuppertal: Brockhaus. [Orig.: Interpreting the Parables.].

Maier, Gerhard (2015): Das Evangelium des Matthäus. Kapitel 1-14. In: Maier, Gerhard et al. (Hg.): Historisch Theologische Auslegung. Neues Testament. Witten: SCM R. Brockhaus. Giessen: Brunnen Verlag.

Schnabel, Eckhard J. (2018): Der erste Brief des Paulus an die Korinther. In: Maier, Gerhard et al. (Hg.): Historisch Theologische Auslegung. Neues Testament. Witten: SCM R. Brockhaus; Giessen: Brunnen Verlag.

Stein, R. H. (1992): Luke. Bd. 24. Nashville: Broadman & Holman Publishers.